Nele Pollatschek: „Kleine Probleme“
Nele Pollatschek lässt ihren Protagonisten Lars „kleine Probleme“ erledigen. Lars hats in seinem Leben nicht leicht und macht es auch seinen Mitmenschen schwer, ihn und seine selbstzerstörerische Prokrastination zu ertragen. Auch für einige Leserinnen war Lars eher schwer erträgelich. Und manch einer fand sogar den ganzen Text nach einer Weile eher anstrengend. Einig waren wir uns aber, dass die Autorin ihren eigenen Text sehr gut als Hörbuch gesprochen hat. Ich erinnere mich gut an die irrwitzige Beschreibung des Bettenaufbaus. Wie die Autorin die diversen IKEA-Bauteile mit phantastisch-phantasievollen Kunstnamen tauft, das ist schon Sprachwitz erster Güte. Vielleicht ist es ja gerade dieses Anknüpfen an Dinge, die wir alle kennen und mit denen wir in unserem Alltag alle mehr oder weniger zu kämpfen haben – sei es nun ein IKEA-Möbel, die Steuererklärung oder der längst überfällige Anruf bei einem Elternteil. Jeder kennt die Pflichten und viele haben zumindest ansatzweise kleine Vermeidungsstrategien dafür – lang nicht so ausgebaute Strategien wie Lars, aber für eine Identifikation mit ihm oder seiner leidgeprüften Lebensgefährtin oder einem seinem Kinder, seinem Vater, seinem Agenten … reicht es allemal.
Gut gefiel der erzählerische Trick, die Steuererklärung für einen Rückblende zu nutzen: anhand der verschiedene Belege erfahren wir einiges aus Lars‘ Vergangenheit. Man kann ja alles steuermindernd geltend machen – selbst die Strandutensilien für die Kinder dienen „Recherchezwecken“.
Was soll ich sagen: ich hatte meinen Spaß mit Lars und wie ihm übel mitgespielt wurde. Die schon seit Jahren andauernde Demontage seines Lebens kulminiert in den letzten 12 Stunden des Jahres. Mit ausgekugeltem Finger – notdürftig gaffa-bandagiert – und den übelst improvisierten Nudelsalat auf den Rücken geschnallt, saust er im Schneesturm in immer wilderer Fahrt mit dem Schlitten gen Mitternacht. Kann man ihm bei diesem Engagement noch böse sein?
Ein Extralob für die Autorin, die ein derart exaktes Psychogramm geschrieben hat.
Tess Gunty: „Der Kaninchenstall“
Ein exaktes Psychogramm ist auch Tess Gunty mit dem „Kaninchenstall“ gelungen. Nur, dass sie es gleich für eine ganze Gruppe von Menschen macht: An einem Abend explodiert die Stimmung in einer Sozialwohnungs-WG. Drei junge Männer mishandeln ihre Mitbewohnerin und eine Ziege. Nur das unvermittelte Auftauchen eines mit fluoreszierender Farbe bemalten nackten Mannes verhindert den Tod der jungen Frau. Wie konnte es so weit kommen? Gunty verfolgt die zum Teil sehr langen Fäden, die sich an diesem Abend zu einem fatalen Knoten verknäulen. White trash im rust belt? Ja, aber Gunty beschreibt alle ihre verkorksten Figuren mit einem derart hohen Einfühlungsvermögen, dass diese einem trotz teils übelster Macken sympathisch bleiben.
Daniel Kehlmann: Lichtspiel
Und nun noch der Kehlmann. Fraglos ein guter Handwerker. Er hat mal wieder einen ordentlichen Text abgeliefert. Passend zum Thema, schneidet er Szene aus dem Leben von Wilhelm Pabst zusammen. Auch wenn viele Kapitel nicht direkt mit dem Regisseur zu tun haben, sondern mit Personen aus seinem Umgebung, entsteht doch ein zusammengepuzzeltes Bild von Pabst. Und auch wenn viele Kapitel sich mit Pabst beschäftigen, so entsteht doch auch ein Bild der Nazi-Zeit und der Kulturschaffenden damals. So wie auch in Pabsts Filmen die Szenen nicht nur das unmittelbar Gezeigte zeigen, sonder über sich hinaus weisen, auf das Nichtgezeigte verweisen. Okay. Haken dran! Er kann halt gut schreiben. Genial das erste Kapitel aus der Perspektive eine dementen Altenheiminsassen, der seine Umwelt kaum mehr versteht. Angesichts solcher Passagen, muss man dann halt ein Auge zudrücken, wenn am Schluss schnell noch der Rucksack mit dem Filmrollen im Zug verwechselt wird. Ein Witz mit Ansage.